In Albert Einsteins Fußstapfen
Das Europäische Forschungszentrum für Kern- und Teilchenphysik erforscht den Aufbau der Materie. Eine Erkenntnis ist gesichert: Das neue Forschungszentrum CERN B777 von Henning Larsen wird rund sein und großteils aus Holz bestehen.
Am 30. Juni 1905 veröffentlichte Albert Einstein seine Theorie der Speziellen Relativitätstheorie. Sie erklärt den Zusammenhang zwischen Zeit und Raum in der berühmten Gleichung E = mc². Seither konnten am Centre Européen pour la Récherche Nucleaire (CERN) zahlreiche Aspekte seiner Theorie in Experimenten bestätigt werden. Aber nicht nur der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) verschaffte dem Forschungszentrum in der Nähe von Genf internationale Bekanntheit, sondern auch die Tatsache, dass ein britischer Wissenschaftler hier das World Wide Web erfand.

Nun bekommt der Campus CERN Prévessin auf der französischen Seite der Grenze ein neues Gebäude, das den Namen B777 trägt und in mehrfacher Hinsicht hervorsticht. Die Architekten des dänischen Architekturbüros Henning Larsen haben einen markanten ringförmigen Bau entworfen, der auf ganzer Linie emissionsarm und klimafreundlich gedacht ist. Das fängt beim erneuerbaren Baustoff Holz an und hört bei der parametrisch designten Fassade auf, die direkte Sonneneinstrahlung in der Mittagszeit minimiert und somit Energie einspart.
Ein naturnaher Anziehungspunkt
Das Forschungszentrum CERN, das sich teils auf schweizerischem, teils auf französischem Boden befindet, ist seit seiner Gründung im Jahr 1952 das europäische Epizentrum wissenschaftlicher Innovation. Ähnlich wie Danones neues Forschungszentrum In’Cube südwestlich von Paris, hat B777 mit der hochgeschlossenen Unnahbarkeit herkömmlicher Industrie- und Forschungsbauten wenig gemein. Vielmehr soll es ein Neubau werden, der die Mission von CERN widerspiegelt, nämlich: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der gemeinsamen Suche nach Erkenntnis zu vereinen.
Unsere Vision ist es, einen dynamischen Arbeitsplatz inmitten der Natur zu schaffen – einen Ort, an dem Wohlbefinden, Teamwork und Wissen gedeihen.
Søren Øllgaard, Europäischer Design Director von Henning Larsen

Seine offene Ringform trägt dem ebenso Rechnung wie der offensichtliche Auftrag, einen schönen, naturnahen Ort zu schaffen, an dem die Forschenden gerne zusammenkommen. Søren Øllgaard, Europäischer Design Director von Henning Larsen, sagt über den Entwurf: „Unsere Vision ist es, einen dynamischen Arbeitsplatz inmitten der Natur zu schaffen – einen Ort, an dem Wohlbefinden, Teamwork und Wissen gedeihen. Es ist mehr als nur ein gewöhnlicher Arbeitsplatz. Der kreisförmige Entwurf dient als symbolischer Marker und schafft ein kulturelles Zentrum für den gesamten Campus.“
Wohlfühlarchitektur als neues Mantra
Insgesamt liefert das neue Forschungsgebäude 13.000 Quadratmeter an Büro-, Labor- und Werkstatträumen, die allesamt von natürlichen Holzoberflächen und einem hohen Lichteintrag geprägt sind. Statt fensterloser Korridore, wie sie früher in Forschungsstätten nicht unüblich waren, dominiert eine räumliche Offenheit und Transparenz. Bei der weichen Haptik des Holzes schaltet der innere Modus automatisch auf Behaglichkeit. In Zeiten des War for talents wird die Wohlfühlarchitektur zum neuen Mantra erhoben.

Schon beim Eintritt in das Gebäude öffnet sich ein lichtdurchflutetes Atrium, das über alle vier Stockwerke reicht und die Erschließung auf einen Blick offenlegt. Holztreppen verbinden die einzelnen Geschosse miteinander, Brücken schweben hoch über dem Erdgeschoss und schaffen kurze Verbindungswege und spannende Blickbezüge. Trotz der schieren Größe dieses Atriums versprüht es durch den rustikalen Steinboden und den warmen Holzton eine dezidierte Gemütlichkeit. „Dieser innovative Raum soll den Mitarbeitern wie ein zweites Zuhause sein“, erklärt das Büro Henning Larsen das Ziel des Designs.
Dieser innovative Raum soll den Mitarbeitern wie ein zweites Zuhause sein.
Henning Larsen, Architekturbüro
Warum Hospitality-Bereiche beim Programming neuer Bürogebäude immer wichtiger werden, hat einen einfachen Grund. Sie holen die Menschen aus ihren Bürozellen und bieten in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung eine Umgebung, in der ungeplante, informelle Interaktionen stattfinden können. Diese zwischenmenschlichen Zufallsmomente, so weiß man heute, sind mindestens genauso wichtig für den Erfolg von Projekten wie das konzentrierte Arbeiten im stillen Kämmerlein. Ein Ansatz, der auch unter dem Begriff Seredipitätsprinzip bekannt ist.

Arbeiten im Grünen
Der begrünte Innenhof des B777 ist offen und durchlässig gestaltet, sodass er das ganze Jahr über einen geschützten Raum mit angenehmen Temperaturen bietet. Inspiration dafür fanden die Architektinnen und Architekten von Henning Larsen in der direkten Umgebung: „In Anlehnung an die geschützten Plätze im Herzen der umliegenden Alpendörfer schafft der Innenhof des Gebäudes ein optimiertes Mikroklima, das an die lokalen Gegebenheiten angepasst ist.“
Der Hof bildet durch die zwei offenen Seiten eine grüne Schneise, die an den kleinen Wald auf der einen und den Park auf der anderen Seite des Gebäudes anknüpft und die Biodiversität fördert. Durch die geschosshohen Verglasungen wird auf allen Seiten die Verbindung zwischen dem Innen- und dem Außenraum hergestellt. Informelle Meetingbereiche im Freien verlängern die Büroflächen nach außen und ermöglichen bei entsprechender Witterung auch ein Arbeiten im Grünen.

Natur als Stress-Killer
Biophile Architektur ist das neue Schlagwort, wenn es darum geht, die Kreativität der Mitarbeitenden zu stimulieren und seelisches Wohlbefinden zu fördern. Erst kürzlich konnte ein Team um die Ökologin MaryCarol Hunter der Universität Michigan beweisen, dass nur 20 Minuten im Grünen das Stresshormonlevel signifikant senken können. Der stete Blick ins Grüne vom Bürosessel aus kann im besten Fall also auch die Gesundheit verbessern.
Und dass das Reich der Natur für den Erkenntnisgewinn enorm wichtig ist, das wusste bereits Albert Einstein, als er sagte: „Schau tief in die Natur, und dann wirst du alles besser verstehen.“
Text: Gertraud Gerst
Visualisierungen: Vivid-Vision
Wie Phönix aus der Asche
Im einstigen Industrieviertel der südenglischen Stadt Lewes entsteht Großbritanniens größtes Quartier in Holzbauweise. Phoenix nennt sich das neue Stadtgebiet, mit dem ein kleiner Developer den britischen Wohnbausektor aufmischt.
Der Wohnbausektor in Großbritannien ist seit einigen Jahrzehnten in festen Händen. Während der Markt früher von einer Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen bespielt wurde, werden heute laut dem Branchenportal „building.co.uk“ 80 Prozent aller neuen Wohnungen von fünf großen Playern gebaut. Der neue Entwickler Human Nature aus East Sussex möchte den Beweis antreten, dass auch kleinere Unternehmen mitmischen und mitunter erfolgreicher sein können als die Platzhirschen. Nämlich wenn es darum geht, leistbaren Wohnraum und ein Stadtgefüge zu schaffen, das architektonischen Anspruch hochhält und ökologisch und sozial nachhaltig ist. Mit dem Projekt Phoenix in der historischen Stadt Lewes in East Sussex soll eine Industriebrache zur neuen Vorzeigestadt werden. Und zu Großbritanniens größtem Stadtgebiet, das aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz gebaut ist.

Ehemaliger Greenpeace-Chef als Developer
Bei ähnlichen Projekten dieser Art seien es meist die nachhaltigen und sozialen Aspekte, die im Sinne der Gewinnmaximierung als erstes dem Rotstift zum Opfer fallen. „Grundsätzlich ist es unsere Überzeugung, dass Grundstückseigentümer und Entwickler zu viel Geld auf Kosten der Gemeinden, der Qualität und der Nachhaltigkeit von Orten abziehen und dass ein neues Gleichgewicht gefunden werden muss“, erklärt Jonathan Smales, CEO von Human Nature und früherer Geschäftsführer von Greenpeace. „Human Nature hat sich bei diesem Projekt für eine kleinere Gewinnspanne entschieden, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und der Stadt mehr soziale und wirtschaftliche Vorteile zu bieten.“
Human Nature hat sich bei diesem Projekt für eine kleinere Gewinnspanne entschieden, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und der Stadt mehr soziale und wirtschaftliche Vorteile zu bieten.
Jonathan Smales, CEO von Human Nature
Smales und sein Team sind in der Gegend im Südosten Englands persönlich verwurzelt und nicht dem großen Druck von Shareholdern oder Kreditgebern ausgesetzt, der viele Entwickler dazu bringt, Kosten zu senken und Kompromisse bei der Qualität einzugehen. Dass Human Nature einen anderen Weg gehen will, zeigt schon das etwas großspurige Intro-Statement auf ihrer Website: „Es gibt eine viel, viel bessere Welt. Aber man muss sie gesehen haben, um daran zu glauben.“ Mit dem Großprojekt, das auf dem Gelände des ehemaligen Eisenwerks Phoenix an die 700 neue Wohnungen entstehen lässt, möchte Human Nature die Latte für neue Mixed-Use-Projekte in Großbritannien höher legen.

Ein Masterplan für die autofreie Stadt
Phoenix ist als fußgänger- und fahrradfreundliches Viertel konzipiert, in dem es nur sehr begrenzt straßenseitige Parkplätze gibt. Stellplätze für Autos gibt es stattdessen in einem sogenannten Co-Mobility Hub am südlichen Rand des Viertels. Car- und E-Bike-Sharing sowie ein Shuttlebus-Service sollen dazu animieren, dass auf das Fahren im eigenen Auto möglichst verzichtet wird.
Den Masterplan für das neue Stadtgebiet hat das Team von Human Nature zusammen mit dem Architekturbüro Periscope und Kathryn Firth erstellt, der Leiterin der Urban-Design-Abteilung des Planungsbüros Arup. Die Gebäude sind zwei- bis fünfstöckig geplant und orientieren sich an lokalen Typologien und baukulturellen Gegebenheiten.

Ressourcen schürfen im Bestand
Den Bestand des einstigen Industrieviertels will man, so weit es möglich ist, renovieren und für die gemeinschaftlichen Bereiche wie Kantine, Veranstaltungssaal, Fitness Center und Werkstätten nutzen. Darüber hinaus soll in den nicht erhaltenswerten Bestandsstrukturen nach wiederverwendbaren Rohstoffen geschürft werden.
Die Firma Local Works Studio aus East Sussex, die auf die kreative Wiederverwendung von Materialien spezialisiert ist, hat das gesamte Grundstück begutachtet. Dabei wurden alle verbauten Materialien, die sich wiederverwenden oder recyceln lassen, katalogisiert, in erster Linie sind das Stahl, Holz, Ziegel und Beton. Aus einem Stahlgerüst will man beispielsweise eine neue Fußgängerbrücke über den Fluss Ouse errichten, der das Grundstück an der Ostseite begrenzt.

Alle Neubauten in Holzbauweise
Die Energieeffizienz des neuen Stadtviertels und der Betrieb durch erneuerbare Energien zielt auf einen CO2-armen Betrieb ab. Alle geplanten Neubauten in Phoenix sollen in Holzbauweise errichtet werden. Das Holz dafür wird vermutlich aus dem kontinentalen Europa bezogen, während das Holz für die Fassadenpaneele aus lokaler Produktion stammt.
Jonathan Smales, CEO von Human NatureDas Bauen mit natürlichen Materialien liegt auf der Hand, wenn man es mit der Nachhaltigkeit ernst meint und sich nicht bloß Lippenbekenntnissen hingibt.
Immerhin ist East Sussex die Grafschaft mit den zweithöchsten Waldbeständen in England. Das Potenzial für einen langfristig erfolgreichen Industriezweig sei laut Smales vorhanden. „Das Bauen mit natürlichen Materialien liegt auf der Hand, wenn man es mit der Nachhaltigkeit ernst meint und sich nicht bloß Lippenbekenntnissen hingibt“, so Smales. In herkömmlicher Bauweise würde es 40 Jahre dauern, um die entstandenen Emissionen wieder auszugleichen, rechnet er vor.

Erfolg durch Nachhaltigkeit
Das Projekt hat kürzlich die Baugenehmigung erhalten, eine Hürde, an der ein anderer Developer zuvor gescheitert war. Eine lokale Interessensgruppe namens Lewes Phoenix Rising hatte sich gegen das Vorgängerprojekt ausgesprochen und forderte eine dezidiert nachhaltige Entwicklung des Areals.
Dass die Industriebrache nun wie Phönix aus der Asche steigt, ist nicht zuletzt der sozialen Nachhaltigkeit des aktuellen Projektes zu verdanken. Mit seinem Konzept will Human Nature die Menschen mitnehmen und ihnen Perspektiven bieten. Im Zuge des Immobilienprojektes soll eine Reihe an Arbeits- und Ausbildungsplätzen entstehen. Die Fassadenpaneele etwa werden aus Holz und Hanfbeton in einer Produktionsstätte vor Ort hergestellt. Damit will man jungen Menschen die Möglichkeit bieten, in Kooperation mit dem East Sussex College eine Ausbildung in nachhaltigen Bauweisen zu absolvieren.
Text: Gertraud Gerst
Fotos und Visualisierungen: Human Nature, Periscope, Adam Richards Architects, Ash Sakula Architects, Mae Architects
Mach die Welle!
Das Kilden Performing Arts Centre in der norwegischen Stadt Kristiansand ist eine Freiformkonstruktion aus Holz mit über 14.000 Einzelteilen. ALA Architects schafften eine Form mit dramatischer Geste – und konkreter Funktion.
In Norwegen ist man stolz auf Holz. Schon die Wikinger verfügten über umfassendes Holzbauwissen, was sie zu einer der reichsten und fortschrittlichsten Zivilisationen der Welt machte. Noch heute zeugen an die Tausend Jahre alte Stabkirchen davon, dass das Bauen mit Holz in der Kultur des Landes tief verwurzelt ist. Sieht man sich die Vegetation des nordischen Königreichs an, dann ist dies auch nicht sehr verwunderlich. Drei Viertel Norwegens sind nämlich von Wald bedeckt.

Auch heute im Zeitalter der modernen Holzwerkstoffe bildet Norwegen die Speerspitze des Holzbau-Booms. Das Holz-Hochhaus Mjøstårnet in Brumunddal mit einer Höhe von 85,4 Meter war das erste seiner Art und lange Zeit auch der höchste sogenannte „Plyscraper“ der Welt. Weitere spektakuläre Holzbauten sind die Bibliothek von Vennesla und der Finansparken in Stavanger, beides vom norwegischen Architekturbüro Helen & Hard.
Eine Welle aus Holz
Ein wegweisender Holzbau, der bereits vor über zehn Jahren in der südnorwegischen Metropole Kristiansand eröffnet wurde, ist das Kilden teater og konserthus – Performing Arts Centre. Die Reisenden der Kreuzfahrtschiffe, die am Pier direkt gegenüber ankommen, werden seit 2012 von diesem monumentalen Wahrzeichen begrüßt. Mit seiner riesigen Welle aus Holz, die aus der Glasfassade zu brechen scheint, sorgt Kilden auch abseits seiner kulturellen Events für viel Aufsehen.
Die Wand aus CNC-gefrästen Massivdielen hat nicht nur einen theatralischen Effekt, sie verbessert auch die Akustik des Foyers.
ALA Architects, Architekturbüro

Entworfen wurde es vom finnischen Büro ALA Architects, das gemeinsam mit den örtlichen SMS Architects an der Umsetzung arbeitete. Mit einer Gesamtfläche von 16.500 Quadratmetern beherbergt es unterschiedliche Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen, darunter einen Konzertsaal mit knapp 1.200 Sitzplätzen, eine Theater- und Opernbühne mit rund 750 Sitzplätzen, eine Mehrzweckhalle mit 400 Stehplätzen und einen Saal für kleinere Events.
Dramatische Geste mit akustischer Funktion
Das Narrativ der hölzernen Welle spiegelt sowohl den maritimen Bezug des Ortes wider als auch die wirtschaftliche Bedeutung des Holzes für die Stadt Kristiansand. Der Eingangsbereich bildet eine dramatische Geste, die das inhaltliche Programm des Gebäudes gebührend feiert. „Die monumentale abstrakte Form der Wand aus heimischer Eiche trennt Realität von Fantasie. Auf dem Weg hinein gelangt das Publikum von der Naturlandschaft in den Bereich der darstellenden Künste“, erklären die Architekten von ALA.

Die monumentale abstrakte Form der Wand aus heimischer Eiche trennt Realität von Fantasie. Auf dem Weg hinein gelangt das Publikum von der Naturlandschaft in den Bereich der darstellenden Künste.
ALA Architects, Architekturbüro
Das Eichenholz verleiht dem großzügigen Foyer einen warmen, einladenden Charakter. Die extravagante Form und die spezifische Ausführung haben zudem eine besondere Funktion, wie die Architekten schreiben: „Die Wand aus verkeilten CNC-gefrästen Massivdielen hat nicht nur einen theatralischen Effekt, sie ist auch ein haptisches Artefakt, das die Akustik des Foyers verbessert.“ Nach außen hin schafft das weit auskragende Dach zudem einen witterungsgeschützten Bereich am Kai.
Ursprünglich als Stahlkonstruktion geplant
Für Besucher tut sich hinter der Glasfassade eine weitläufige Eingangshalle auf, die sich über die gesamte Länge des Gebäudes zieht. Die geschwungene Freiformkonstruktion aus Holz schiebt sich bis ins Innere hinein und markiert mit ihrem Heben und Senken die Eingänge zu den unterschiedlichen Hallen. Die Holzkonstruktion war eine besondere Herausforderung, nicht zuletzt, weil sie ursprünglich als Stahlkonstruktion geplant war.

„Eine besondere Herausforderung waren die verschiedenen Schnittstellen, die unterschiedlichen klimatischen Zonen sowie die grossen Lasten“, erklären die Ingenieure von Blumer Lehman, die mit dem komplexen Holzbau beauftragt waren. Im Vorfeld der Arbeiten erstellten die Ingenieure ein detailliertes 3D-Modell sowie ein Musterfassadenelement, mit dem sich der Kunde und der Generalunternehmer schließlich von der Machbarkeit in Holz überzeugen ließen.
Holzkonstruktion aus 14.309 Einzelteilen
Das 3D-Modell lieferte den Schlüssel für die reibungslose Montage der insgesamt 14.309 Einzelteile. Die besondere Form der Konstruktion definieren die 1.769 gekrümmten Brettschichtholzträger, die durch gerade Träger zu 126 Elementen verbunden wurden.

Mit insgesamt 895 Bolzen montierte man schließlich diese Bauteile an den Stahlträgern der Primärkonstruktion. 12.248 Eichenbretter bilden die äußere Fassade der Konstruktion.
Kilden hat sich nicht nur zum kulturellen Kraftwerk von Südnorwegen entwickelt, der markante Kulturbau ist auch eine Landmarke im industriellen Hafengebiet. Ein weiteres Aushängeschild, das für den norwegischen Holzbau die Welle macht.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Tuomas Uusheimo, Iwan Baan
Feiern bis zum Abheben
Mit einem Holzbau im XXL-Format haben Smyk Fischer Architekten inmitten des Ruhrgebiets für Zeppelin Hugo ein nachhaltiges Dach über dem Kopf geschaffen. Zusätzlich dient der Luftschiff-Hangar als Eventlocation der besonderen Art.
Es gibt weltweit wohl nicht viele Hangars, die mit mehreren Architektur- und Baupreisen ausgezeichnet wurden. Eines dieser seltenen Exemplare ist am Flughafen Essen/Mülheim inmitten des deutschen Ruhrgebietes zu finden. Zuvor stand dort eine in die Jahre gekommene Luftschiffhalle, welche die aktuellen technischen Ansprüche nicht mehr erfüllte. Das alte Objekt wurde 2020 abgerissen. An gleicher Stelle beherbergt nun eine Fachwerkkonstruktion mit Aluminiumfassade Zeppelin Hugo sowie dessen bereits außer Dienst gestellten Vorgänger, das Luftschiff Theo.

Während Hugo saisonal an seine zweite Homebase am Bodensee wechselt, ist Theo ganzjähriger Dauerparker in Essen/Mülheim. Dort teilt er sich den Luftschiff-Hangar, der auch als außergewöhnlicher Rahmen für Events dient, mit bis zu 1.500 Personen.
Reycelte Basis
Geparkt und gefeiert wird in Essen/Mülheim auf bereits genutzten Betonplatten: Die Fundamente der alten Luftschiff-Garage wurden vor Ort zerkleinert und recycelt, um als Basis für den neuen Hangarboden zu dienen. Die darüber liegende, sichtbare Bodenplatte des Neubaus entstand aus den recycelten Betonelementen einer nahegelegenen Baustelle. Auf diese Weise konnte man nicht nur bestehende Materialen wiederverwenden, sondern auch Transportemissionen minimieren.
Fachwerktradition trifft auf Innovation
Der Luftschiff-Hangar bedeckt eine Fläche von 3.500 Quadratmetern. Seine höchste Stelle erreicht – ebenso wie jene des Brandenburger Tores – 26 Meter. Trotz dieser enormen Dimensionen gelang dem Mülheimer Architekturbüro Smyk Fischer Architekten im interdisziplinären Teamwork mit Tragwerkplanern und Maschinenbauern eine kreislauffähige und ressourcenschonende Lösung. Belohnt wurde diese Mammutaufgabe u.a. mit der Gold-Zertifizierung des Hangars durch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB).


Die innovative Tragwerkskonstruktion der Luftschiffgarage im Fachwerkdesign wurde bis hin zu ihren Holzzapfenverbindungen und den verwendeten Hartholzdübeln mit dem Naturbaustoff aus deutschen Wäldern realisiert. Großformatigen Brettschichtholzplatten sorgen in der Dachkonstruktion sowohl für statische Verstärkung als auch für Schall- und Wärmedämmung.

Mit 557 Tonnen verbautem Holz steht das optisch warme innere Erscheinungsbild im deutlichen Kontrast zur kühlen Ästhetik des Flugfelds und der Stehfalz-Fassade. Diese kommt ohne sichtbare Verschraubungen aus. Sie ist dank des verwendeten Aluminiums nicht nur wartungsarm und langlebig, sondern – ebenso wie das Holz-Tragwerk – sortenrein recycelbar. Im Tagesverlauf bieten ihre vertikalen Linien Licht und Schatten eine eindrucksvolle Bühne und unterstreichen das stark gewölbte Erscheinungsbild des Gebäudes.


Ein Fensterband öffnet den Blick auf Flugfeld und Tower. Ostseitig kann der Hangar mittels zweier massiver Tore – sie messen je 400 Quadratmeter und bringen jeweils 72 Tonnen auf die Waage – in voller Höhe geöffnet werden. Vier 60-kW-Motoren liefern das nötige Drehmoment, um die Tore in nur drei Minuten entsprechend zu bewegen und den Weg frei für Zeppelin Hugo zu machen.
Im Dienste von Wissenschaft und Tourismus
Benannt ist letzterer nach dem deutschen Luftfahrtpionier Hugo Eckener, der 1924 mit seinem Transatlantikflug via Luftschiff gleich mehrere Rekorde aufstellte. Auch Zeppelin Hugo selbst setzt neue Maßstäbe. Mit einer Länge von 75 Metern ist er eines von nur sechs Exemplaren des derzeit größten und einzigen Luftschiff-Modells der Welt, das für den kommerziellen Passagierbetrieb zugelassen ist.
Auf einer Flughöhe von 300 Metern macht er Sightseeing der besonderen Art möglich. Immer wieder dient Hugo aber auch als Forschungsplattform für Untersuchungen an Atmosphäre und Klima, bevor es zu Park- und Wartungszwecken wieder zurück in den Hangar nach Mülheim geht.
Text: Barbara Seemann
Bilder: Annika Feuss Architekturfotografie, Stefan Lamberty/ WDL, Smyk Fischer Architekten
Die Wiederentdeckung der Markthalle
In Meerstad hat De Zwarte Hond den SuperHub entworfen: Ein nachhaltiges, flexibles und sogar rückbaubares Mixed-Use-Gebäude, das als Community-Treffpunkt fungiert. Das Markthallen-Konzept ist innovativ, die Holzkonstruktion einzigartig.
Unter einem Hub versteht man gemeinhin einen Knotenpunkt oder eine Drehscheibe. Ein Hub definiert somit einen zentralen Ort, wo Verbindungen zusammenlaufen und von dem aus neue Richtungen eingeschlagen werden können. Was insbesondere für „Connectivity“-Schnittstellen in der Welt der Elektronischen Datenverarbeitung gilt, trifft auf die Welt der Stadtplanung genauso zu.
Rauschendes Ried statt rasender Verkehr
Und unter diesem Gesichtspunkt kann auch ein Gebäude mit Mischnutzung, in dem unter anderem ein Supermarkt plus Cafe sowie ein Gesundheitszentrum und eine Kindertagesstätte untergebracht sind, zu einem SuperHub mutieren. So geschehen in Meerstad, einem aufstrebenden Stadtteil nahe der niederländischen Stadt Groningen. Das Gebiet ist beliebt für seine vielen Freiflächen und Grünflächen sowie für den Erholungssee Woldmeer.

In der Gegend wird in den kommenden Jahrzehnten ein Viertel mit 5.000 neuen Wohnungen entstehen. Denn Meerstad wächst stetig. Um den Bedürfnissen der Bewohner des Quartiers gerecht zu werden, hat De Zwarte Hond eine Art Cluster entworfen. Dieser ist aber definitiv mehr als nur ein Angebot an diversen kommunalen Einrichtungen.
Mit Blick auf diese künftige Expansion ist es wichtig, dass das Viertel ein einladendes Gemeindezentrum enthält, so der Plan der Stadtväter. Mehr noch: Es soll den Bewohnern auch als Ort zum entspannten Treffen, Reden und Dinieren dienen. Einkaufsmöglichkeiten dürfen freilich nicht fehlen.
Markthalle als Meetingpoint
Der auffällige SuperHub des niederländischen Architekturbüros mit dem originellen Namen – De Zwarte Hond heißt auf Deutsch „der schwarze Hund“ – verkörpert diese „Bestimmung“. Und gleichzeitig auch die Grundgestaltungswerte der Nachhaltigkeit und Lebensqualität.

Wie wir unsere Zeit einteilen und gestalten, ändert sich gerade massiv. Auch der Vorgang des Einkaufens hat sich total gewandelt. Online- und Lieferdienste vereinfachen zwar vieles, hinterlassen aber doch eine Lücke im sozialen Leben. Den Planern des SuperHub war sehr wohl bewusst, dass ein Einkaufszentrum heutzutage daher besondere Aufenthaltsqualitäten aufweisen muss.
Ziel war es, das Einkaufserlebnis wieder persönlich und sozial zu gestalten und den Besuchern eine erfrischende Alternative zu bieten. Neben seiner Funktion als Nahversorger ist das offene und großzügige Gebäude darüber hinaus zum beliebten Treffpunkt für die Bewohner geworden.
Problemlose spätere Umnutzung
Darüber hinaus wurde der Baukörper zukunftssicher geplant und lässt Raum für Anpassungen oder Ergänzungen. So könne das Gebäude später auch problemlos für Bildungs-, Sport- oder Wohnzwecke adaptiert werden, heißt es.

Für Meerstad war die Errichtung des SuperHubs ein großer Schritt, ging er doch mit dem ersten Supermarkt dort einher, mit einem „Jumbo“. Jumbo ist eine lokale Supermarktkette. Mit einem Marktanteil von 21 Prozent ist sie der zweitgrößte Lebensmitteleinzelhändler in den Niederlanden.
Neben der Lebensmittelhandelsfläche hat auch ein Sushi-Laden eröffnet. Die Realisierung für den Bauträger MWPO hatte Brands Bouw über. Die Handelsgruppe Maripaan wiederum war für die spezielle „Einzelhandels- und Gastronomie-Formel“ verantwortlich, für den „Look and Feel“.
Von überall her gut zu erreichen
Schon die offene, freundliche Architektur verrät, dass es sich um einen „wahren Meetingpoint“ für die mehr als 2.700 Einwohner des Stadtteils handelt. Auf der Nordachse bildet das Gebäude zusammen mit der lokalen Schule das zentrale Versorgungszentrum von Meerstad. Auf der Südseite schließt es an die Hauptverkehrsader an, die durch Meerstad führt, und den neuen Park am See begrenzt.

Durch die Lage an der Kreuzung wichtiger Zugangs- und Erholungswege ist SuperHub von allen Seiten gut zu erreichen, auch mit dem Fahrrad. Vom Café aus, mit seiner großzügigen Terrasse, bietet sich ein beeindruckender Blick sowohl auf den Park als auch auf das Wasser.
Moderne Symbiose
Der Auftrag an De Zwarte Hond lautete, ein multifunktionales und anpassungsfähiges Gebäude für das Viertel zu schaffen. Und so ist SuperHub eine moderne Symbiose aus dem Sozialraum Marktplatz und Einkaufszentrum. Das flexible, offene Layout ermöglicht es, die Funktionen des Gebäudes mit den sich ändernden Bedürfnissen der Gemeinde neu zu erfinden, so dass es in Zukunft nicht abgerissen werden muss. In 20 Jahren beispielsweise könnte dort ein Museum oder eben neuer Wohnraum entstehen.

Das Gebäude stehe voll und ganz im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen von Meerstad, betonen De Zwarte Hond und Brands Bouw. Es ist betonarm, das Hauptmaterial ist Holz, damit entspreche es den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft. Schon zuvor ist De Zwarte Hond mit Projekten in Holzbauweise aufgefallen. Jüngst etwa auch in Amsterdams Hafengebiet: Dort ist mit dem Alliander Westpoort ein Büro- und Gewerbe-Areal entstanden, das die Holzbauweise feiert. Sein Grundriss unterliegt einer rhythmischen Codierung, die das Ensemble zu einer resilienten Einheit verschweißt.
Die neu belebte Version der traditionellen Markthalle ist großzügig gestaltet. Das Objekt verfügt über eine Tragstruktur, die vollständig aus überkreuzten Brettschichtholz-Stützen und -Trägern besteht. Die Form der Stützen wechselt von einer Säule zu einem elegant geschwungenen Balken. Dies verleiht dem Gebäude eine kathedralenartige Anmutung.
Die große Spannweite und die Deckenhöhe von neun Metern schaffen einen außergewöhnlich hellen Raum. Zudem gewährleistet diese Struktur die künftigen flexiblen Grundriss- und Nutzungsanpassungen.
Weit ausladendes Vordach als Sonnenschutz
Das große, mehr als fünf Meter weit auskragende Vordach schützt die Menschen vor der Sonne und integriert die Struktur mit eleganten Säulen und netzartigen Holzfachwerken harmonisch in die grüne Umgebung. Die durchdachte Konstruktion verleiht dem Gebäude Stabilität. Es ist keine zusätzliche Aussteifung oder Verstrebung gegen etwaige Windböen erforderlich.

Auf dem Dach sind Sonnenkollektoren angebracht, mit denen unter anderem die eingebaute Luftaufbereitungsanlage betrieben wird. Die Pflanzen auf dem Dach locken Bienen und Insekten an. Die Wärme- und Kältespeicher im Boden sorgen für ein optimales und energieeffizientes Raumklima.
Mehrere Dachfenster bringen zusätzliches Licht in das Zentrum des Gebäudes.
Weitgehend erdbebensicher und rückbaubar
Alle Gebäudeteile waren vorgefertigt und so konnte man die Bauzeit in engen Grenzen halten. Außerdem ist das Gebäude so konzipiert, dass es die durch Erdbeben verursachten Erschütterungen aushalten kann. Eine weitere Stärke des Projekts ist, dass das Gebäude komplett rückgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden kann.
Konsequenterweise hat der SuperHub beim Groninger Architekturpreis in der Kategorie „Preis der Fachjury“ den Sieg errungen und in der Wertung der Publikumsjury den 3. Platz gemacht.
Text: Linda Benkö
Fotos: Ronald Tilleman, Ronald Zijlstra
Google geht den Holzweg
Hochleistungsfähig, kohlenstoffarm, skalierbar, biophil – das waren die Wünsche von Google für seinen fünfstöckigen Büroneubau 1265 Borregas Avenue im kalifornischen Sunnyvale. Heraus kam das erste Mass-Timber-Projekt des Unternehmens.
Manche Meilensteine haben eine Postadresse. Jener, von dem im kommenden die Rede sein wird, ist in Sunnyvale, Kalifornien, zu finden. Genauer gesagt in der 1265 Borregas Avenue. Hier wurde Ende 2024 Googles erstes Bürogebäude in Massivholzbauweise fertiggestellt. Nach über fünf Jahre Planungs- und Bauzeit. Auf hochleistungsfähigen, kohlenstoffarmen 16.700 Quadratmetern Geschossfläche vereinen sich nun die Maßgaben nachhaltigen Bauens mit einem biophilen Design. Beides zusammen soll auch die (mentale) Gesundheit der rund tausend Mitarbeiter:innen am Standort erhalten und fördern.

Am Tag der Eröffnung war es daher auch niemand Geringerer als Scott Foster, seines Zeichens Vize-Präsident für „Real Estate & Workplace Services“ des Tech-Konzerns, der sich im Firmenblog höchstpersönlich an die Belegschaft wandte und stolz verkündete: „Heute stellen wir ein neues Büro vor, das die Prinzipien widerspiegelt, die wir seit langem bei unserer Immobiliengestaltung anwenden: nachhaltige Räume zu schaffen, in denen Googler ihr Bestes leisten können.“
Richtung: Netto-Null
Google plant, bis 2030 die netto Null hinsichtlich CO2-Emissionen zu erreichen. Das LEED-Platinum-zertifizierte und vollelektrische Projekt 1265 Borregas Avenue wird den Tech-Giganten diesem Ziel ein gutes Stück näherbringen – auch dank der auf dem Dach befindlichen Solarzellen, die Strom für das Gebäude erzeugen. Kernstück des Klimaschutzkonzeptes ist aber freilich die Bauweise: „Die regenerativen Eigenschaften von Massivholz und seine Fähigkeit, Kohlenstoff über die Zeit zu binden und zu speichern – ein Prozess namens Sequestrierung –, machen es zu einer nachhaltigen und umweltfreundlichen Wahl“, heißt es von Seiten der Planer von Michael Green Architecture (MGA), die den Komplex entworfen haben.


Der Einsatz von Massivholz konnte die CO2-Emissionen, die bei Gewinnung, Produktion und Transport herkömmlicher Baumaterialien entstehen, deutlich senken. „Das Gebäude reduziert den gebundenen Kohlenstoff um 47 Prozent im Vergleich zu einem entsprechenden Stahlgebäude. Und um 96 Prozent unter Berücksichtigung der langfristigen Sequestrierung“, so das Architekturbüro MGA mit Hauptsitz in Vancouver, Kanada.
Pluspunkt Sequestrierung
Um diese Klimavorteile zu erreichen, achtete man insbesondere auf den Lebenszyklus des eingesetzten Baumaterials: „100 Prozent des verwendeten strukturellen Massivholzes stammen aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern. Sie sind durch den Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziert.“ Ein weiterer Vorteil der skalierbaren Gebäudelösung: Die vorgefertigten Bauteile beschleunigten die Montage, wodurch weniger Bauverkehr, -lärm und -abfall auf der Baustelle entstand.


Das Baumaterial wurde – Ehre, wem Ehre gebührt – am und im gesamten Gebäude sichtbar gelassen. Von außen beeindruckt 1265 Borregas Avenue durch seine schlichte, aber ästhetische Konstruktion, die die offene Struktur des Neubaus unterstreicht. Die Gradlinigkeit des Entwurfs wird lediglich hier und da durch eingelassene oder herausgeschobene Balkone gebrochen, die die Energieeffizienz erhöhen.
Hybrid und offen
„Die seismischen Anforderungen des Standorts erfüllte unser Projektteam mit einem hybriden Ansatz“, erklärt MGA. Dafür verwendete man CLT-Bodenplatten als horizontale Membran und ordnete knickgespannte Stahlrahmen innerhalb des Massivholz-Schwerkraftsystems an. „Da der Stahl keine Schwerkraftlast trägt, konnten die Rahmen frei belassen werden, ohne dass intumeszierende Farbe oder andere Brandschutzbeschichtungen erforderlich waren.“
Die seismischen Anforderungen des Standorts erfüllte unser Projektteam mit einem hybriden Ansatz.
Michael Green Architecture
Die wahre Innovationskraft des Entwurfs enthüllt aber erst ein Blick hinter die Fassade. Oder besser: auf diese. Statt einer herkömmlichen Vorhangfassade wurde sie als geschlossene Hohlraumfassade mit Lamellenjalousien aus unlackiertem Holz im venezianischen Stil konzipiert. Eine Premiere – nicht nur für Google. Es ist auch die erste Closed Cavity Facade (CCF) in Nordamerika. „Die Jalousien befinden sich in einem geschlossenen und hermetisch abgedichteten Hohlraum, der mit trockener Luft versorgt wird, um jegliche Kondensation zu vermeiden“, so die MAG-Planer. „Dadurch konnte auf die herkömmlichen Grabenkonvektoren verzichtet werden, die normalerweise zur Bewältigung von Lastspitzen eingesetzt werden.“
Mehr als nur Fassade
Die Eroberung des Konstruktionsneulands hat sich gelohnt. 2023 gab es dafür den „Facade Design and Engineering Award“ als „Internationales Innovationsprojekt des Jahres“. Kein Wunder, unterstreicht der gewählte Ansatz doch das erhebliche Potenzial, das eine Fassade für die Gesamtnachhaltigkeit eines Gebäudes haben kann. 1265 Borregas Avenue zeigt jedenfalls eindrucksvoll auf, wie eine Fassade langfristig sowohl den Energieaufwand als auch die Betriebsenergie reduzieren kann, weil der Umfang der mechanischen Systeme verringert wird.

Im Inneren rücken die freiliegenden Holzwände und -decken aus Glulam und CLT das naturbasierte Design der offenen Grundrisse ins Zentrum. „Da die Anpassungsfähigkeit für das Geschäft von Google von entscheidender Bedeutung ist, haben wir darauf geachtet, dass die Flexibilität für künftige Umgestaltungen gegeben ist und die langfristige Funktionalität des Raums maximiert wird“, so MGA. Für den „Erstbezug“ schufen die Architekten Räume mit einfacher Höhe (für Besprechungen) und zwei doppelstöckige Teamarbeitsbereiche in der nördlichen Hälfte des Gebäudes und verbanden sie durch ein vierstöckiges Atrium, das die Mitarbeiter:innen und Teams sowohl visuell als auch physisch miteinander verbindet.
Biophiles Design
Über das Oberlicht im Atrium und die bodentiefen Fenster strömt natürliches Tageslicht ins Innere, sie geben zudem beeindruckende Ausblicke auf die Landschaft Nordkaliforniens frei. Automatische Holzjalousien passen sich dem Stand der Sonne an und minimieren Blendungen, während ein Luftsystem unter dem Boden für optimalen Komfort sorgt.

Healing Architecture ist das zwar noch nicht ganz, doch fördert es unbestritten ein gesundes Arbeitsumfeld. Das Sorgetragen für das Wohlbefinden der Belegschaft war – neben dem Schutz der Umwelt – auch Teil des Auftrags an die ausführenden Architekten. „1265 Borregas Avenue unterstreicht unseren Einsatz für ein biophiles Arbeitsplatzdesign“, betont Scott Foster.
Produktiv und fokussiert
Ganz uneigennützig ist dieses Engagement freilich nicht. Verschiedenste Studien haben längst erwiesen, dass Menschen sich besser konzentrieren können und produktiver arbeiten, wenn sie von Natur umgeben sind. Dass das Gebäude darüber hinaus mit Nachbarschaftsbereichen aktive Zusammenarbeit, hybride Verbindungen und fokussiertes Arbeiten fördern, „spiegelt auch unsere neuesten Arbeitsmethoden wider.“
Wir hoffen, dass 1265 Borregas Avenue Schule macht und sich andere in der Branche diesem Ansatz anschließen werden.
Scott Foster, Vize-Präsident für „Real Estate & Workplace Services“ bei Google
Solch Architektur braucht natürlich auch einen landschaftsarchitektonisch passenden Rahmen. Die grüne Infrastruktur für 1265 Borregas Avenue schufen die Designer von SWA: Rund um das Gebäude und benachbarte Standorte einen drei Hektar großen Park. Teil ihres Konzeptes: die Bepflanzung mit bestäuberfreundlichen Vertretern der einheimischen Küstenflora – darunter etwa kalifornische Eichen, Salbeibüsche, Meldekraut, Beifuß und Wildrosen. Mit ihnen soll nicht nur die Artenvielfalt, gefördert, sondern auch der Bewässerungsbedarf reduziert werden.
Innen hui, außen nicht pfui!
Outdoormöbel aus Holz sorgen für eine kohärente Materialsprache in Ergänzung zum Baumaterial. Der Standortentwurf legt zudem Wert auf Konnektivität: Multimodale Verbindungen zum breiteren Sunnyvale-Transitsystem regen Mitarbeiter:innen und Besucher:innen zum kohlenstoffarmen Pendeln an. Und an der nordöstlichen Ecke des Gebäudes befindet sich ein Kunstwerk: „Mothership“, eine zwei Tonnen schwere Skulptur von Mike Whiting, ist eine Hommage an den ursprünglichen Atari-Hauptsitz, der dem neuen Google-Bau vorausging.

1265 Borregas Avenue soll für Google nicht nur neue (Teil-)Heimat werden, sondern auch ein Pilotprojekt für künftige Bauprojekte. Und zwar nicht nur die eigenen: „Wir hoffen, dass sich andere in der Branche diesem Ansatz anschließen. Um eine nachhaltigere Zukunft zu unterstützen und um gleichzeitig das Wohlbefinden der Menschen in den Vordergrund zu stellen“, so Scott Foster.
Dieser Wunsch könnte tatsächlich mehr als ein frommer sein. Im Silicon Valley entsteht zum Beispiel auf dem Gelände des Stanford Research Park in Palo Alto das Bürogebäude „Verdant Sanctuary“ – in Massivholzbauweise.
Text: Daniea Schuster
Bilder: Michael Green Architecture; Ema Peter
Erstes Wohn-Hochhaus aus Holz
In Paris macht seit kurzem ein Haus Furore, das als hölzernes Wohnregal daherkommt. Das Wood Up, so der Name des Holz-Hochhauses, erzeugt laut Architekturbüro LAN 80 Prozent weniger CO2 als ein herkömmlicher Bau.
Die jüngst im Osten von Paris fertiggestellten Zwillingstürme Tours Duo vom Architekturbüro Jean Nouvel haben Gesellschaft bekommen. Vor den windschiefen Wolkenkratzern, die 180 und 120 Meter in die Höhe ragen, zeichnet sich ein kompaktes Hochhaus ab, das neuerdings das Stadtbild am Rande des 13. Pariser Arrondissements prägt. Zwar kann es höhenmäßig mit den beiden Türmen nicht mithalten, ein Rekordhalter ist es aber allemal. Das Wood Up, wie das 50 Meter hohe Gebäude heißt, ist nämlich das erste reine Wohn-Hochhaus, das aus Holz gebaut ist.

Mit seiner streng gegliederten Fassade, die von Leimbindern in gleichmäßige Fächer geteilt wird, gleicht der Bau einem urbanen Möbelstück. Die massiven Stützen aus Brettschichtholz sind den großen Fensterflächen vorgelagert und dienen als schattenspendender Brise Soleil. Den konstruktiven Holzschutz übernehmen die über jedem Geschoss auskragenden Betondecken. Inszeniert als modernistisches Holzregal, versprüht es vor den spiegelglatten Fassaden und den frühindustriellen Schornsteinen ein wenig Wärme und unerwartetes Skandi-Flair.
Aushängeschild für klimabewusstes Bauen
Ein Hingucker ist der längliche Einschnitt in seiner oberen Mitte, der durch den Baukörper hindurchblicken lässt. Für Passanten eine Art Guckfenster in den städtischen Kontext, für die Bewohnerinnen und Bewohner ein sehr großzügiger Außenraum für Veranstaltungen, Grillfeste oder das morgendliche Yoga. Von dieser 500 Quadratmeter großen Terrasse ergibt sich ein weiter Ausblick über Paris, der sich vom Eiffelturm bis zu La Défense erstreckt.

Wood Up ist das lang erwartete Ergebnis eines Wettbewerbs aus dem Jahr 2017, der durch die Pläne der Pariser Klimakonferenz angestoßen und von der Stadt Paris mitfinanziert wurde. Direkt an der Seine gelegen, ist es ein ikonisches Aushängeschild für das klimabewusste Bauen, das die Stadt im Rahmen der olympischen Spiele vergangenen Sommer verstärkt nach außen getragen hat. Neben einem Schwimmbad, dem Centre Aquatique Olympique, entstanden auch diverse Wohnhäuser und Bürogebäude in Holzbauweise.
Möbel aus dem Holzverschnitt
Das Holz für den Bau des Wohnturms stammt aus den Wäldern Frankreichs. Begünstigt durch die Lage am Flussufer erfolgte der Transport des nachwachsenden Baustoffes über die Seine. Für den bewitterten Außenbereich kam Douglasie zum Einsatz, ein Holz, das sehr feuchtigkeitsbeständig ist. Die Stützen im Innenbereich sind aus Buche, da diese Holzart eine hohe Druckfestigkeit aufweist. Und die Balken sind aus Fichte, da diese sehr biegefest ist.

Umberto Napolitano, Architekt
Holz ist im Hinblick auf die CO2-Emissionen ein äußerst interessantes Material, da Bäume im Laufe ihres Lebens Kohlenstoff binden und ihn während ihres gesamten Lebenszyklus binden.

Anstatt den Holzverschnitt thermisch zu verwerten, wie das oft in Holzverarbeitungsbetrieben geschieht, ließ das Architekturbüro daraus Möbel für die Gemeinschaftsräume herstellen. „Holz ist im Hinblick auf die CO2-Emissionen ein äußerst interessantes Material, da Bäume im Laufe ihres Lebens Kohlenstoff binden und ihn während ihres gesamten Lebenszyklus binden“, erklärt Umberto Napolitano, der das in Paris ansässige Büro LAN gemeinsam mit Benoît Jallon leitet.
80 Prozent weniger CO2
Über einen Lebenszyklus von 50 Jahren verursache das Wood Up 80 Prozent weniger CO2 als ein herkömmliches Gebäude, rechnet Napolitano vor. Dabei sind allerdings alle CO2-schonenden Maßnahmen mit einberechnet – vom Wassertransport bis zu Möbelbau aus dem Holzverschnitt. Der Entwickler REI Habitat versteht sich als Pionier des ökologischen Bauens und sagt: „Durch die Bevorzugung des französischen Marktes möchten wir die CO2-Auswirkungen des Transports auf die Gesamtbilanz von Immobilienprojekten verringern und die lokale Wirtschaft ankurbeln.“


Durch die Bevorzugung des französischen Marktes möchten wir die CO2-Auswirkungen des Transports auf die Gesamtbilanz von Immobilienprojekten verringern und die lokale Wirtschaft ankurbeln.
REI Habitat, Entwickler
Während das Bauen mit Holz vor dem desaströsen Brand von Notre Dame nicht eigens reguliert war, nehme man den Brandschutz seither besonders ernst, so Napolitano. Die für das Wohngebäude verwendeten Holzbauteile mussten zuvor mehrfach getestet werden, ob sie einem Brand mindestens acht Stunden standhalten würden. Die Stützen im Außenbereich bestehen aus einem Holzkern, der durch eine nicht brennbare Schicht vom äußeren Holzpaneel getrennt ist.

Dass das Wood Up das Leben am äußersten Stadtrand von Paris attraktiv macht, zeigt der Run auf den neuen Wohnbau. Schon kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes waren alle 132 Einheiten vermietet.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Charly Broyez, Daisy Reillet
Die Frau hinter Henning Larsen
In über 20 Jahren hat CEO Mette Kynne Frandsen das dänische Architekturbüro Henning Larsen zu dem gemacht, was es heute ist: ein Pionier, der weltweit nachhaltige Architektur von ikonischem Wert schafft. Bevor sie als CEO abdankt, hat sie uns noch ein Interview gegeben.
Das Büro liegt in Kopenhagens geschäftiger Einkaufsstraße Vesterbrogade, in den obersten drei Geschossen eines Midcentury-Baus. Dass die Zeiten des Architekten-Starkults vorbei sind, lässt sich hier schon an der Büroorganisation ablesen. Mette Kynne Frandsen, CEO von Henning Larsen, sitzt an einem Tisch im offenen Großraum, direkt vor der Brüstung des Atriums. Schickes Büro mit Chefsessel? Fehlanzeige. Nicht einmal ein fixer Schreibtisch mit Familienfotos. Alles, was sie zum Arbeiten braucht, hat sie beim Interview im Besprechungszimmer dabei: Tablet, Handy und Kaffee im Glas.

Kürzlich feierte sie ihr 30-jähriges Firmenjubiläum. „Ich bin nicht sicher, ob man heute auf so etwas stolz sein kann oder nicht“, scherzt sie. Fakt ist, dass das Unternehmen unter ihrer Führung zum internationalen Aushängeschild für eine Architektur geworden ist, die regelmäßig Preise abräumt und grüne Innovationen aktiv vorantreibt. Firmengründer Henning Larsen (1925–2013), der in erster Linie für den Bau der Königlichen Oper in Kopenhagen bekannt ist, übertrug ihr noch zu Lebzeiten die Geschäftsführung und damit die Ausrichtung des Unternehmens.
Mit Anfang September wird die 63-Jährige nun leiser treten und ihrerseits die Leitung des Unternehmens abgeben. Als eine der wichtigsten Führungskräfte des Landes, und als Frau in dieser Position, ist sie ein wichtiges Role Model in einer Branche, die nach wie vor sehr männlich dominiert ist.
Mit uns sprach sie über biogene Baustoffe, den Paradigmenwechsel in der Architektur und das Glück, in einer der fortschrittlichsten Städte der Welt zu leben.
Obwohl seit geraumer Zeit mehr Frauen als Männer das Architekturstudium abschließen, sind diese seltener in Entscheidungspositionen vertreten. Sie zählen heute zu den wichtigsten Führungskräften in Dänemark, sind also das lebende Gegenbeispiel. Was waren die entscheidenden Voraussetzungen und Weichen in Ihrem Leben, die Sie dorthin gebracht haben?
Ich bin mittlerweile seit 30 Jahren bei Henning Larsen. Das ist eine ziemliche lange Zeit! Für junge Menschen ist das heute womöglich kein erstrebenswertes Ziel, 30 Jahre in derselben Firma zu arbeiten. Und ich selbst habe das auch nicht so geplant. Als ich anfing, waren wir an die 50 Mitarbeiter in Kopenhagen, und mit der Zeit übernahm ich neben Wettbewerbsentwürfen immer mehr Aufgaben als Projektmanagerin. Als ausgebildete Architektin hatte ich zwar einen fundierten fachlichen Background, aber wenig Ahnung von Management. Also schlug ich Henning Larsen vor, eine zweijährige Ausbildung zum MBA (Master of Business Administration, Anm.) zu machen, und er fand die Idee gut. Als ich fast mit dem Studium fertig war, meinte er: „Okay, Mette, da du jetzt die Ausbildung hast, kannst du auch gleich die Geschäftsführung übernehmen.“ Diese uneingeschränkte Unterstützung von ihm bedeutete mir sehr viel. Sie war die Grundlage für meine weitere Entwicklung.
machte 1987 ihren Abschluss an der Hochschule für Architektur der Königlich Dänischen Kunstakademie. 1993 begann sie bei Henning Larsen Architects und wechselte 1998 ins Management. Seit 2003 trug sie als CEO die oberste Verantwortung im Unternehmen und kümmerte sich um dessen strategische Ausrichtung. Während ihrer Amtszeit erhielt das Büro den prestigeträchtigen Mies van der Rohe Award für das Konzerthaus Harpa in Reykjavík. Sie ist im Vorstand einiger dänischer Organisationen vertreten, unter anderem im nationalen Handelsrat. 2019 wurde ihr von Königin Margarete II. das Ritterkreuz für ihre Verdienste in der Architektur verliehen.

Mette Kynne Frandsen ist eine der einflussreichsten Frauen in der zeitgenössischen Architektur.
Gab es damals Vorbilder für weibliche Führungskräfte?
Ehrlich gesagt, gab es damals, vor gut 20 Jahren, nicht sehr viele Role Models. Aber in der Art, wie Henning Larsen als Architekt, speziell im Kulturbereich, arbeitete, war er für mich ein Vorbild. Da er mit Finanzen und Personalwesen nicht viel am Hut hatte, gab es einen Platz im Unternehmen, den ich füllen konnte. Auf diesem Einverständnis haben wir eine großartige Zusammenarbeit entwickelt und konnten die anstehenden Umbauten im Unternehmen angehen.
Welche Umbauten waren das?
Henning Larsen war zu der Zeit schon etwas älter, das heißt, zum einen stand ein Generationenwechsel an, und es ging darum, weitere Partner ins Boot zu holen. Andererseits bedurfte es einer Neuaufstellung der Unternehmenskultur, die bis dato von ihm allein geprägt war. Wie führt man ein Unternehmen, das von einer einzelnen, sehr starken Persönlichkeit gegründet wurde, in die Zukunft? Die Einsicht, dass wir, um nachhaltig erfolgreich zu sein, sowohl Frauen als auch Männer brauchen, war für mich selbstverständlich. Heute haben wir sowohl auf Mitarbeiter- als auch auf Führungsebene eine Quote von 50 zu 50. Man braucht immer die richtige Balance, aber ich finde, wir haben bei Henning Larsen ausgesprochen starke Architektinnen und weibliche Führungskräfte.
Wir haben bei Henning Larsen ausgesprochen starke Architektinnen und weibliche Führungskräfte.
Mette Kynne Frandsen, CEO von Henning Larsen
Was zählen Sie zu Ihren größten beruflichen Errungenschaften?
Henning Larsen ist heute ein internationales und breit aufgestelltes Unternehmen, das im Besitz einer Stiftung ist. Anstatt nur internationale Projekte von Kopenhagen aus zu betreuen, haben wir entsprechende Außenstellen eröffnet. Heute gibt es Zweigstellen in New York, Singapur, Berlin, München, Oslo und Sydney. Das heißt, wir sind eine globale Organisation und eine globale Community. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Diversität möglichst vieler Stimmen, die von außerhalb Kopenhagens kommen, für das Design enorm wichtig ist. 60 Prozent unseres Umsatzes werden heute durch Projekte außerhalb von Skandinavien erwirtschaftet. Auf diese Entwicklung bin ich wirklich stolz.
Einen weiteren strategisch wichtigen Schritt haben wir vor vier Jahren getan, als wir Teil der Ramboll Group wurden, eines global tätigen Ingenieur- und Beratungsunternehmens. Unsere gemeinsame Vision ist es, nachhaltige Städte und Gebäude zu schaffen, die den globalen Herausforderungen gerecht werden. Der Hintergrund war der, dass wir zwar international agierten, aber zu klein waren, um in all diesen Ländern auch Juristen oder Finanzexperten zu beschäftigen. Das heißt, wir machen zwar nach wie vor Architektur und Stadtplanung unter der Marke Henning Larsen, haben aber mit Ramboll ein Netzwerk, das uns in vielen Bereichen unterstützt. Dabei kommt uns auch das gemeinnützige Stiftungsmodell zugute, bei dem Profit wieder ins Unternehmen rückinvestiert wird. Unsere Abteilung für Innovation und Nachhaltigkeit wurde in dieser Zeit auf das Fünffache aufgestockt, was allen Projekten in vielerlei Hinsicht zugutekommt. Das hat uns einen kräftigen Innovationsschub gebracht.

Welche Entwicklungen sehen Sie in den nächsten zehn Jahren auf Henning Larsen und die Architektur im Allgemeinen zukommen?
Ein Ziel ist es, dass Henning Larsen als globale Community wächst und ein noch stärkerer Partner in Sachen Nachhaltigkeit wird, der Kunden Inspiration und Wissen vermittelt – unabhängig davon, wo auf der Welt wir gerade arbeiten. Abgesehen davon befinden wir uns derzeit aufgrund der drängenden Klimawende in einer Umbruchphase. Das heißt, in zehn Jahren werden die Entwürfe anders aussehen, die Veränderung dahin zeichnet sich schon heute ab. Wir bewegen uns weg von einem Unternehmen, das bislang hauptsächlich am Neubau interessiert war, hin zu einem, das in Zukunft vermehrt mit dem arbeiten wird, was vorhanden ist. Das stimuliert die Kreativität ungemein.
Woran lässt sich diese Umbruchphase in der Architektur festmachen?
Wir stehen gerade am Anfang einer Transformation der Bausysteme, und die Verwendung biogener Bau- und Dämmstoffe ist im Moment am Durchstarten. Eine weitere Veränderung ist die enge Zusammenarbeit zwischen Architekten und Landschaftsarchitekten. Das wirkt sich nicht nur auf die Art aus, wie wir Gebäude entwerfen, sondern auch auf die gesamte Stadtplanung. In meiner Position bemerke ich, dass es vonseiten der Politiker und der Kunden ein wachsendes Bewusstsein dafür gibt, wie wichtig diese Zusammenarbeit für unser aller Leben ist.

Wir bewegen uns weg von einem Unternehmen, das bislang hauptsächlich am Neubau interessiert war, hin zu einem, das in Zukunft vermehrt mit dem arbeiten wird, was vorhanden ist.
Mette Kynne Frandsen, CEO von Henning Larsen
Viele europäische Städte wurden von Männern geplant, was sich in der Infrastruktur, im Verkehr und in der Architektur widerspiegelt. Frauen, die auch heute noch den Großteil der Sorgearbeit leisten, haben meist einen anderen Alltag als Männer und sind in diesen Planungen lange nicht berücksichtigt worden. Wie geht Ihr Büro bei aktuellen Stadtentwicklungsprojekten vor?
Als Architekten ist es uns wichtig, Stadtplanung zu machen, die alle inkludiert. Wir haben ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Urban Minded“, das untersucht, wie die Gestaltung städtischer Räume zur psychischen Gesundheit und zum Wohlbefinden von Mädchen im Teenageralter beitragen kann. Dazu haben wir sehr viele Interviews mit jungen Frauen geführt und sie gefragt: Wo haltet ihr euch nachts in der Stadt auf? Auf welche Weise nutzt ihr eure Stadt? Aus diesem Projekt haben wir sehr viele wertvolle Erkenntnisse gewonnen, die uns dabei helfen können eine Zukunft anzupeilen, in der das Wohlergehen und die Selbstbestimmung junger Frauen in unserem Städtebau Vorrang haben.

Kopenhagen zählt heute zu den Musterstädten in Sachen Stadtentwicklung. Dabei hat sich sogar der Begriff „Kopenhagenisierung“ etabliert.
Ich denke, wir haben in Dänemark sehr gute Lösungen und eine Menge Wissen, was gute Stadtplanung angeht. In Kopenhagen waren es vor allem auch die Politiker, die das Konzept der lebenswerten Stadt vorangetrieben haben. Damit können wir andere inspirieren und unsere erprobten Lösungen in Projekten außerhalb von Dänemark einbringen. Viele Städte sind heute dabei, ihr Mobilitätskonzept zu überarbeiten. Das ist natürlich ein enormes Investment, aber ich denke, dass wir in zehn Jahren einen großen Wandel in den Städten sehen werden.
Ich reise oft zu unseren internationalen Büros und kann den Unterschied in den Städten mit eigenen Augen sehen. Letzte Woche war ich in New York, um unser Team dort zu besuchen, und ich habe meine beiden Töchter angerufen und gesagt: „Wisst ihr eigentlich, wie viel Glück ihr als junge Mütter in Dänemark habt? Ihr könnt eure Kinder in den Kindergarten bringen und dann bequem in die Arbeit radeln.“ Durch Unterschiede in der Stadtplanung kann das Leben für Frauen in den USA sehr herausfordernd sein, da ist die Architekturbranche keine Ausnahme. Natürlich können wir das System dort nicht umkrempeln, aber ich versuche die Architektinnen in unserem New Yorker Büro, so gut es geht, zu unterstützen.
Heute hört man oft den Begriff der „Stadt der kurzen Wege“, ein Konzept, das feministische Stadtplanerinnen bereits in den 1970ern forderten. Können Sie ein Beispiel für ein Stadtentwicklungsprojekt nennen, wo dies umgesetzt wurde?
Unser Masterplan für Downsview in Toronto beispielsweise ist ein Riesenprojekt, das in den nächsten 50 Jahren umgesetzt wird. Anstatt Städte zu planen mit einem Businessviertel und einer Wohngegend, brechen wir das Gebiet runter in lokale Communities und Nachbarschaften. Während es bei einem Masterplan vor zehn Jahren in erster Linie um Strukturen und Mega-Cities ging, stehen heute die Gemeinschaft und die Menschen im Mittelpunkt. Bei diesem Projekt gab es im Vorfeld einen groß angelegten partizipativen Prozess, bei dem die Menschen sich direkt einbringen konnten.

All diese Inputs spiegeln sich im Masterplan wider. Die Infrastruktur ist so ausgerichtet, dass man sich innerhalb der Nachbarschaften möglichst sicher und bequem bewegen kann. Auch die Art, wie wir heute arbeiten, nämlich vermehrt im Homeoffice, ist in die Stadtplanung miteingeflossen.
Auf welches Projekt ist man bei Henning Larsen besonders stolz?
Hier hat sich im Laufe der Zeit eine große Veränderung breitgemacht. Vor zehn Jahren waren es die ikonischen Bauten, wie das Opernhaus, auf die wir besonders stolz waren. Aber wenn man heute durchs Büro geht und danach fragt, dann sind es die kleinen, innovativen Projekte, die besonders stolz machen. So zum Beispiel die Feldballe-Schule, die aus einer Kooperation zwischen Realdania, einem philanthropischen Verein, und einem Start-up hervorgegangen ist, das ein Fassadenbausystem aus Holz und Stroh auf den Markt bringen wollte. Wir haben dieses Projekt umgesetzt und konnten das biobasierte Bausystem in der Folge skalieren. Das größte Logistikzentrum Europas in den Niederlanden wird nun auf die gleiche Weise gebaut wie die kleine Schule in Dänemark.
Vor zehn Jahren waren wir stolz auf die ikonischen Bauten, wie das Opernhaus. Heute sind es die kleinen, innovativen Projekte, die besonders stolz machen.
Mette Kynne Frandsen, CEO von Henning Larsen
Auch an diesem Projekt ist abzulesen, welcher Paradigmenwechsel bereits stattgefunden hat. Vor fünf oder zehn Jahren hätten wir ungläubig gefragt: „Machen wir jetzt etwa Logistikzentren? Niemals!“ Aber heute sehen wir, dass hier ein großer Einflussbereich liegt, in dem wir Innovationen vorantreiben und Dinge zum Positiven verändern können.


Im Dänischen Architekturzentrum lief kürzlich die Ausstellung „Changing Our Footprint“, wo man ein Modell dieser Holz-Stroh-Bauweise sehen und auch anfassen konnte. Wie wichtig ist in Ihrem Unternehmen der Open-Source-Gedanke?
Da wir alle dasselbe Ziel haben, nämlich die Zukunft unseres Planeten positiv zu beeinflussen, ist das Teilen von Know-how enorm wichtig. Man kann sich gegenseitig inspirieren und voneinander lernen. Manche unserer größten Konkurrenten sind in gewissen Bereichen unsere besten Partner. Das ist eine Entwicklung, die ich besonders schätze. Ich bekomme viele Anrufe von Kollegen, die fragen: „Wie habt ihr das gemacht? Was waren eure Erfahrungen?“ Ich teile das sehr gerne. Die Welt ist so groß, und je mehr wir voneinander lernen, umso besser.
Aber das Klima diesbezüglich hat sich geändert, vor zehn oder zwanzig Jahren wurde das noch nicht so gelebt.
Vielleicht hat das auch ein wenig damit zu tun, dass ich als Frau in dieser Führungsposition bin. Natürlich brauchen wir den Wettbewerb, das ist ein wichtiger Ansporn, aber es gibt daneben auch andere Werte, die wichtig sind. Ich wünsche mir, dass diese Offenheit bei Henning Larsen auch in Zukunft so gelebt wird.
Da wir alle dasselbe Ziel haben, nämlich die Zukunft unseres Planeten positiv zu beeinflussen, ist das Teilen von Know-how enorm wichtig.
Mette Kynne Frandsen, CEO von Henning Larsen
Laut einem UNO-Bericht liegt der Bau- und Gebäudesektor beim Treibhausgasausstoß auf Rekordniveau, er verursacht knapp 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Welche Verantwortung kommt Architektinnen und Architekten in der heutigen Zeit zu?
Das Verantwortungsbewusstsein in der Branche hat sich enorm verändert. Vor allem in der neuen Generation junger Architekten, die sehr idealistisch ist und vieles in Frage stellt – unter anderem, ob wir überhaupt noch neu bauen sollen. Für die junge Generation ist es wichtig, dass sie mit der Architektur die Zukunft der Welt positiv gestalten können.

Die Wirtschaft muss sich vom Take-Make-Waste-Prinzip lösen und künftig regenerativ agieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und Prozesse in unserer komplexen, verzahnten Welt zu ändern erfordert Zeit, die wir nicht haben. Wie ließen sich die nötigen Veränderungen beschleunigen?
Mit guten Beispielen, und davon gibt es sehr viele. Wir sollten unsere Kommunikation dahingehend verstärken. Gleichzeitig sehen wir bei unseren Kunden, dass ihr Interesse an nachhaltigen Lösungen steigt, weil sie ihr Verhalten in Sachen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit offenlegen müssen. In manchen Projektausschreibungen, die wir heute bekommen, gehört es zu den Anforderungen, so viel vom Bestand wie möglich zu erhalten und zu adaptieren. Das ist nicht nur ein Weg, um graue Energie einzusparen, der Erhalt von historischer Bausubstanz ist zudem identitätsstiftend.
Bei Projekten sollten heute nicht allein die Baukosten entscheidend sein, sondern auch eine weitere Berechnung, nämlich die des CO2-Fußabdrucks, die wir für jedes Projekt machen. Dann kann man sowohl die Kosten als auch die Emissionen der unterschiedlichen Ausführungen – vom Neubau bis zum zirkulären Projekt – miteinander vergleichen.

Im Hinblick auf die Klimakrise rücken die Baumaterialien und -methoden der Vergangenheit wieder in den Fokus, Stichwort Holz, Stroh und Lehm. Müssen wir uns von unserer Technologiegläubigkeit verabschieden? Ist Lowtech das neue Hightech?
Ich denke, es ist eine Kombination aus beidem. Um die statischen Auflagen zu erfüllen, haben wir früher jede Menge Beton vergossen, mithilfe von parametrischem Design können wir den Anteil heute optimieren. Im Moment sehen wir, dass durch den Boom von recycelten Ziegeln die Preise explodiert sind, weil es nicht genug davon gibt. Bei den biobasierten Materialien gibt es jede Menge guter Innovationen und ein großes Interesse von Investoren, die das Potenzial darin erkennen. Ich denke, es geht in Zukunft darum, eine gute Balance bei den Baustoffen zu finden.

Bislang schien es oft eine unsichtbare Trennlinie zu geben, Gebäude waren entweder nachhaltig oder ikonisch. Henning Larsen schafft es immer wieder, beides zu vereinen. Wie kommt das zustande?
Zum einen tun sich mit dem Holzbau plötzlich ganz neue Möglichkeiten und Freiheiten im Design auf, und diese auszuloten war für die Architekten enorm inspirierend. Zum anderen braucht es für diese Formen die neuesten digitalen Werkzeuge. Ohne die hätte es Projekte wie World of Volvo niemals gegeben. Der große Erfolg dieses Projekts ist auch der guten Zusammenarbeit zwischen unseren Designern, Digitalexperten und den Holzbauingenieuren und Produzenten zu verdanken.
Mit dem Holzbau tun sich plötzlich ganz neue Möglichkeiten und Freiheiten im Design auf, und diese auszuloten war für die Architekten enorm inspirierend.
Mette Kynne Frandsen, CEO von Henning Larsen
Ich war zufällig zu Besuch im Werk der österreichischen Firma WIEHAG, als dort gerade die riesengroßen geschwungenen Leimbinder für World of Volvo produziert wurden. Das war wirklich beeindruckend.
Zu meiner Zeit war der Baustellenbesuch ein wichtiger Teil der Architekturausbildung. Wie wird ein Gebäude tatsächlich gebaut? Was macht ein Zimmerer? Wir hatten sehr viel praktisches Know-how. Mit der Entwicklung des digitalen Designs ist dieses Wissen etwas abhandengekommen. Die neuen Baustoffe allerdings haben das Interesse der Architekten an den Produktionsprozessen wieder geweckt. Ich denke, es ist sehr gesund, diese Verbindung zu haben.

Fahrrad-Hauptstadt Kopenhagen: Nach dem Interview schwingt sich Frandsen auf ihr silbernes Sportrad und fährt zu ihrem nächsten Termin.
Ebenso wie beim Aufkommen der Design-Maxime „Form folgt Funktion“ am Ende des 19. Jahrhunderts befinden wir uns heute wieder in einer Art Aufbruchszeit. Was könnte heute der Leitsatz sein?
Ich denke, es ist immer gut, wenn die Form der Funktion folgt. Daran würde ich nicht rütteln. Aber die Art, wie wir Flächen verteilen und Funktionen belegen, ist etwas, das wir uns in Zukunft verstärkt ansehen müssen. Wie viel Quadratmeter kann jeder Einzelne für sich beanspruchen? Wie können wir dafür sorgen, dass jene Flächen, die wir nicht täglich brauchen, gemeinschaftlich genutzt werden? Das sind Fragen, die bei jeder Stadtentwicklung relevant sind. Man braucht zum Beispiel kein Gästezimmer, wenn es direkt in der Nähe ein gemeinschaftliches Gästehaus gibt. Derzeit entstehen gerade viele neue Wohnmodelle, die auf Co-Housing basieren. Ich denke, diesen hohen Quadratmeterverbrauch, den wir heute haben, müssen wir in Zukunft optimieren.
Würden Sie aus heutiger Sicht wieder Architektur studieren?
Manchmal habe ich mir das schon überlegt. Ja, ich würde wieder Architektur studieren. Ich denke, Architektur war noch nie wichtiger und spannender als heute.
Interview: Gertraud Gerst
Fotos: Philipp Horak, Laurą Stamer, Rasmus Hjortshoj
Visualisierungen: Henning Larsen
Ein Hochhaus im Dorf
Ein eigenwilliger Holzbau in Oberösterreich räumt einen Architekturpreis nach dem anderen ab. Das Hohe Schwarze von Schneider Lengauer Pühringer Architekten zeigt, dass der umstrittene Wohntyp Einfamilienhaus nach wie vor seine Berechtigung hat.
Mit dem steigenden Bewusstsein für die endliche Ressource Boden und die Problematik, die mit der Zersiedelung des ländlichen Raums einhergeht, gilt das Einfamilienhaus heute als Auslaufmodell. Oft als Flächenfresser, Landschaftszerstörer und Forcierer des motorisierten Individualverkehrs bezeichnet, steht es in einem deutlichen Widerspruch zu einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung. An der Beliebtheit dieser Wohnform hat das allerdings bislang wenig geändert. In Österreich leben rund 41 Prozent der Bevölkerung in einem Einfamilienhaus (Stand 2019), und pro Stunde kommen 2,2 neue Ein- und Zweifamilienhäuser hinzu (Stand 2022). Und das, obwohl so viele der bereits gebauten Häuser leer stehen, dass man auf das Neubauen heute ganz und gar verzichten könnte.

Dass diese höchst umstrittene Wohnform aber noch lange nicht totgesagt werden muss, zeigt ein ambitioniertes Projekt in Hagenberg im Mühlkreis, Oberösterreich. Das Hohe Schwarze, wie das Büro Schneider Lengauer Pühringer Architekten das Haus nennt, hat bereits mehrere hochkarätige Architekturpreise eingeheimst, darunter den Best Architects und den German Design Award 2024. Und das aus gutem Grund. Denn auf all das, was man dem Wohntyp Einfamilienhaus klimapolitisch anlasten kann, liefert das Mühlviertler Vorzeigeprojekt eine überzeugende Antwort.
Auf kleinem Fuß
Auf einer Grundfläche von 14 mal sechs Quadratmetern wächst das Haus 14,5 Meter in die Höhe und schafft auf vier Stockwerken eine Wohnnutzfläche von insgesamt 180 Quadratmetern. Während sich in den unteren Geschossen die Schlaf- und Sanitärräume befinden, bildet das oberste Geschoss den familiären Treffpunkt. Hier, direkt unter dem Giebel, wird gekocht, gegessen und von der überdachten Terrasse in die Mühlviertler Landschaft geblickt.

Hier an diesem Standort, unter diesen Rahmenbedingungen und in dieser nachhaltigen, nutzungsoffenen Bauweise hat das Einfamilienhaus seine Berechtigung.
Andreas Pühringer, Architekt und Bauherr

Die umliegenden Häuser im Ortsteil Anitzberg überragt Das Hohe Schwarze nämlich um mindestens fünf Meter und kann damit als dörfliches Hochhaus bezeichnet werden. Dass es sich trotzdem harmonisch in die Umgebung einfügt, liegt am dunklen Baukörper, der einer Fassade aus schwarz gefärbten Tannenbrettern geschuldet ist. „Durch eine geringe Gebäudegrundfläche und die geschickte Platzierung des Neubaus entsteht im Westen ein neuer Vorplatz und im Osten eine Gartenfläche“, beschreibt das Architekturbüro den Vorteil der vertikalen Verdichtung.
Im familiären Ensemble
Das hohe Einfamilienhaus wurde von Architekt Andreas Pühringer geplant, der es seit 2022 mit seiner Familie bewohnt. Das Grundstück, das an die väterliche Tischlerei angrenzt, hat er geerbt. Zusammen mit den Betriebsgebäuden und dem Eltern- und Großeltern-Wohnhaus nebenan bildet der Neubau nun ein familiäres Ensemble, das die Betriebszufahrt zum gemeinsamen Hof erklärt. So wurde aus einem reinen Erschließungsweg ein belebter Ort, auf dem jeden Tag vier Generationen zusammenkommen.
Damit das Haus in Zukunft bei Bedarf auch anders genutzt werden kann, verfügt das Hohe Schwarze über ein flexibles Raumkonzept und eine barrierefreie Erschließung. Auf diese Weise ließe sich das Gebäude zu einem späteren Zeitpunkt auch in ein Bürohaus oder in ein Studentenheim umfunktionieren.
„Das Einfamilienhaus als solches wird mittlerweile ja mit guten Argumenten totgesagt. Hier an diesem Standort, unter diesen Rahmenbedingungen und in dieser nachhaltigen, nutzungsoffenen Bauweise hat es hingegen seine Berechtigung“, wie Bauherr Pühringer anlässlich der Verleihung des Best Architects Awards erklärte.
Zu 90 Prozent aus Holz
Der kompakte Baukörper, der auf den ersten Blick wie ein Bürohaus anmutet und ganz ohne auskragende Elemente auskommt, ist in konstruktiver Holzbauweise gefertigt.


Vorfertigung, statische Berechnung und Werkplanung kamen vom Brettsperrholzproduzenten Binderholz mit Hauptsitz in Tirol. Neben dem Vorteil langfristig CO2 zu binden, den der nachwachsende Baustoff Holz mit sich bringt, können durch diese Bauweise auch beim Innenausbau Ressourcen geschont werden. So bilden die in Sichtqualität gefertigten Wände, Decken und Treppen zugleich die fertigen Oberflächen in den Innenräumen.
Durch eine geringe Gebäudegrundfläche und die geschickte Platzierung des Neubaus entsteht im Westen ein neuer Vorplatz und im Osten eine Gartenfläche.
SLP Architekten
Dass auch der Rest der Einrichtung wie aus einem Guss zu sein scheint, liegt an der elterlichen Tischlerei nebenan, die den gesamten Innenausbau inklusive Küche, Möbel, Fenster und Türen übernahm. Auf diese Weise ist ein Wohnhaus entstanden, das zu 90 Prozent aus Holz besteht. In der Konstruktion sind insgesamt 128 Kubikmeter Fichtenbrettsperrholz verbaut.

Im Innenraum schaffen das helle Holz, die grauen Terrazzoböden und die großformatigen Fenster ein lichtdurchflutetes und behagliches Wohnambiente. Dass das Hohe Schwarze auf sehr kleinem Fuß steht und für den Neubau keine zusätzliche Grünfläche versiegelt werden musste, könnte als Vorbild für die ländliche Raumplanung dienen und der grassierenden Versiegelungswut etwas entgegensetzen.
Text: Gertraud Gerst
Fotos: Kurt Hörbst, SLP Architekten
Gar nicht auf dem Holzweg
Das australische Architekturstudio Hassell hat mit seiner Nachverdichtung in Holz einen wertvollen Beitrag für die Macquarie University geleistet – architektonisch, praktisch und thematisch. Entstanden ist eine juristische Fakultät mit Innovation und Geschichte.
Wallumettagal – ein Name, voll mit Historie, mit Tradition, mit Kultur. Die australischen Wallumettagal waren ein Stamm der australischen Ureinwohner aus dem Gebiet des heutigen Sydney – mit knapp fünf Millionen Einwohnern die größte Stadt Australiens.

Kulturelles Erbe
Im Norden der Metropole befindet sich die Macquarie University, die mit ihrem Hauptcampus Bezug auf das kulturelle Erbe der australischen Ureinwohner nimmt und 2022 in Wallumattagal Campus umbenannt wurde. Vor wenigen Jahren schuf man mit dem Macquarie University Incubator einen preisgekrönten Holzbau, der als Pilotprojekt zeigt, wie sich Energie und Ressourcen auf allen Ebenen einsparen lassen. Als nun am selben Standort das Michael Kirby Building offiziell eröffnet wurde, hatte man im modernen Holzbau also schon wertvolle Erfahrungen gesammelt.
Der Entwurf für das neue Unigebäude stammt vom Architekturbüro Hassell, das 1938 in Australien gegründet wurde und heute weitere Standorte in China, Singapur, den USA und Großbritannien betreibt. Auf 8.600 Quadratmetern Nutzfläche befinden sich hier, wo einst ein Verwaltungsgebäude mit lediglich zwei Stockwerken stand, nun die juristische Fakultät und der Fachbereich Philosophie. Die Nachverdichtung erfolgte in klimafreundlicher Holzbauweise und setzte auf den Betonbau zwei weitere Geschosse auf.

Holz als Favorit
Die neuen Seminar- und Lehrräume sind um das Bestandsgebäude herum angeordnet. Der ehemalige Hof des einstigen Verwaltungsbaus wurde in ein lichtdurchflutetes Atrium verwandelt, das jetzt den zentralen Kern der juristischen Fakultät bildet. Im Fokus des großzügigen Raumgefüges steht die skulpturale Wendeltreppe, die die beiden obersten Stockwerke erschließt. Im gesamten Gebäude ist Holz jenes bestimmende Element, das der Fakultät eine ruhige und offene Atmosphäre verleiht.
Wie aufeinander gestapelte Holzkästen ragen verglaste Besprechungsräume ins Atrium hinein und betonen dabei die Skelettbauweise des Tragwerks. Die Konstruktion fungiert als Platzhalter der einzelnen Raumelemente und schafft eine Art Setzkasten in Lebensgröße, der bis unter die Decke reicht. Die verglaste Atriumdecke sorgt für einen natürlichen Lichteintrag ins Gebäude und öffnet den Blick nach oben. „Dieser freie Blick in den Himmel war ein wesentliches Gestaltungselement, er verbindet die Innenräume mit dem Bäumkronen draußen. Und er trägt zum Gefühl von Offenheit, Wärme und Zusammengehörigkeit am Campus bei“, so Kevin Lloyd, Chef-Designer des Sydney-Büros von Hassell und Hauptverantwortlicher des Projekts Michael Kirby Building.

Innovation durch Natürlichkeit
Holz und Glas ergänzen sich im Gebäude perfekt. Während Holz atmosphärische Wärme und Sicherheit vermittelt, sorgt Glas für Transparenz im Inneren und schafft eine Verbindung zum Außenraum. „Das Gefühl von räumlicher Offenheit spiegelt auch die transparenten, demokratischen und nicht-hierarchischen Werte der juristischen Fakultät wider“, so Lloyd.
Als Kontrast dazu entschied sich Hassell für breite Metallrippen an der Fassade, die das Gebäude vor der Sonne schützen. Auf dem Dach des Uni-Baus wurden Photovoltaikmodule installiert, die den Stromhaushalt für den Gebäudebetrieb unterstützen.
Der freie Blick in den Himmel war ein wesentliches Gestaltungselement, er trägt zu einem Gefühl von Offenheit, Wärme und Zusammengehörigkeit am Campus bei.
Kevin Lloyd, Chef-Designer bei Hassell und Hauptverantwortlicher des Projekts Michael Kirby Building.
Dem Namensgeber gerecht
Eine regelrechter Hingucker im Michael Kirby Building ist der kreisrunde Lehr-Gerichtssaal. Er ragt aus dem Gebäude heraus und scheint regelrecht über dem Eingang zu schweben. Dabei ist nicht nur die architektonische Beschaffenheit etwas Besonderes. Denn hier finden alle Platz: Kläger, Beklagte, Richter, Anwälte und Zuhörer – wie in einem echten Gerichtsaal. Etwas, das es dieser Form in kaum einer anderen Universität gibt.

Die juristische Fakultät auf dem Wallumattagal Campus gilt als eines der größten Holzgebäude in Australien, Fünf-Sterne-Bewertung des Green Building Council of Australia inklusive. Man darf annehmen, dass auch der Namensgeber mit „seinem“ Gebäude zufrieden ist. Michael Kirby, Jahrgang 1939, prägte nicht nur als Höchstrichter das australische Rechtssystem; als Vorsitzender einer Untersuchungskommission des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen zeichnete er für die offizielle Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea mitverantwortlich.
Text: Eva Schroeder, Michi Reichelt
Bilder: Hassell